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ich backe, also bin ich

Kategorie: Allgemein

Alle Jahre wieder

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„Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht. Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht. Zum Dritten, ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht. Wer ist es, mein holder Herr?“

Wenn Aschenbrödel dem Prinzen im Ballsaal dieses Rätsel stellt, habe ich zwar keine Asche sondern Mehl auf den Wangen. Um mich herum türmen sich die Mehl- und Zuckertüten, Schachteln mit allerlei anderen Zutaten von Orangenschale, Schokolade, Vanille, Gewürzen und Nüssen, die Küchenmaschine surrt und ich spreche die Texte mit. Schon vor Jahren habe ich aufgehört, wie oft ich dieses Märchen geschaut habe, aber mittlerweile ist es für mich zu einem feststehenden Bestandteil meines alljährlichen Backmarathons in der Vorweihnachtszeit geworden. Während Aschenbrödel mit Nikolaus und Kasperle durch die Wälder zieht, stehen bei mir Vanillekipferln, Schachbrettkekse, Spitzbuben, Ochsenaugen, Quittenbrot und allerlei mehr auf dem Plan.

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Nachdem das „verrückte kleine Mädchen“ mit ihrem Prinzen ins Glück aufgebrochen sind, holt mich der zweite unumstößliche filmische Programmpunkt ein: Chocolat. Wie könnte es auch anders sein, als dass ich einmal im Jahr daran erinnert werde, warum ich Mehl auf den Wangen habe. Immer wieder verzaubert mich Vianne Rocher aufs Neue und bei der Vorstellung von frischen Venusnippeln läuft mir das Wasser im Mund zusammen. In dieser Gesellschaft backen sich die Kekse fast wie von allein.

Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ich dieses Jahr weder die Zeit noch die Lust hätte, wieder kiloweise Kekse und Küchlein zu produzieren. Denn Weihnachten ist auch bei uns im Kaffeehaus Hochsaison, die Touristen strömen nach Wien und die Kälte und die weihnachtliche Stimmung treiben sie in die Kaffeehäuser. Aber es kam mal wieder ganz anders. Manche Handgriffe gehen viel routinierter als zuvor und die Neugier auf neue Rezepte ist noch einmal gestiegen. In der Backstube stellen wir außerdem nur Torten, Tartes und Schnitten her und so bleiben die Teegebäcke, wie die Österreicher sagen, für Zuhause zum Entdecken.

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Dieses Jahr habe ich Spitzbuben für mich entdeckt, oder wie sie hier auch genannt werden, Linzer Augen.

Spitzbuben

ergibt etwa 90 Stück

für den Mürbteig

  • 350 g Mehl
  • 125 g Zucker
  • 1 Prise Salz
  • abgeriebene Schale von 1 unbehandelten Zitrone
  • 225 g kalte Butter
  • 1 Eigelb

für die Füllung

  • rote Marmelade oder Gelee

6 min bei 190 °C

Mehl, Zucker, Vanillezucker, Salz und Zitronenschale miteinander vermischen. Die kalte Butter in Scheiben darauflegen und in die Mitte eine kleine Mulde drücken. Das Eigelb in die Mulde geben. Zunächst alles grob mit einem großen Messer zerhacken. Anschließend die Mischung rasch zu einem glatten Mürbteig verkneten. Der Teig darf nicht zu warm werden. Zu einer Kugel formen und abgedeckt mindestens 30 Minuten kalt stellen.

Die vorhandenen Backbleche mit Backpapier auslegen. Den Teig nochmal verkneten und dann etwa 3 mm dick ausrollen. Der Teig sollte möglichst gleich dick sein, da die Kekse ansonsten zu unterschiedlich backen.

Die Hälfte des Teiges zu Kreisen (3 bis 3 1/2 cm Durchmesser) ausstechen und aus der anderen Hälfte die Oberseite ausstechen. Alles auf die Bleche legen und nochmal kühl stellen, dann behalten die Kekse ihr Form beim backen.

Im vorgeheizten Ofen etwa 6 Minuten lichtgelb backen lassen. Die Oberseiten brauchen deutlich kürzer, also am besten schon nach 4 Minuten nachschauen.

Wenn die Marmelade Kerne hat wie etwa bei Himbeer- oder Johannisbeermarmelade, dann sollte man sie durch ein sieb streichen. Zum leichteren Dosieren fülle ich sie in kleine Gefrierbeutel und schneide eine Ecke leicht auf. Auf die Unterseite nun eine kleine Portion Marmelade spritzen, Oberseite daraufsetzen. Wenn alle fertig sind mit Puderzucker anstäuben.

Am besten halten sie sich in einer luftdicht verschlossenen Dose und wie werden schon nach einem Tag schön mürbe.

Anmerkung: Um die Oberseite auszustechen kann man den selben Ausstechen wie für die Unterseite nehmen und dann mit einem Miniausstecher die Mitte ausstechen. Damit habe ich allerdings weniger gute Erfahrungen gemacht. Wesentlich besser hat ein Spitzbubenausstecher funktioniert. Bei dem sind die Mittelausstecher schon integriert.

Die Unsichtbaren von Wien

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Der Wecker klingelt, draußen ist es noch dunkel, alles ist still. In der Häuserfront gegenüber brennen noch keine Lichter und auch im Haus hört man nur eine schläfrige Stille. Nach dem Frühstück und der täglichen Nachrichtendosis mache ich mich auf den Weg zur Bim oder zum Bus. Noch immer ist alles ruhig und verlassen. Doch an der Haltestelle treffe ich auf andere Menschen, die ebenfalls zu dieser nachtschlafenden Zeit unterwegs sind. Es ist kurz vor fünf Uhr morgens.

Bevor ich meine Ausbildung begonnen habe, habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, dass es Menschen gibt, die zu diesen unmöglichen Zeiten schon wach sind. Noch wach ja, aber schon?

Die ersten Tage war ich überrascht, wie viele Menschen morgens die erste Straßenbahn oder Bus nehmen. Die meisten steigen an den U-Bahnstationen aus oder wollen ebenfalls in den ersten Bezirk. Es sind erstaunlich viele Frauen, meistens ältere um diese Uhrzeit unterwegs. Besonders auffällig ist, dass die wenigsten Deutsch untereinander sprechen, viele tragen Kopftücher. Bei den wenigen Männern, die zu dieser Zeit das Haus verlassen haben, bietet sich ein ganz ähnliches Bild.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass sie zu den Unsichtbaren von Wien gehören. Sie erfüllen all jene Jobs, die wir im Alltag nicht wirklich wahrnehmen: sie putzen, pflegen Kranke im Krankenhaus oder Pflegeheimen, räumen Supermarktregale ein oder arbeiten in Hotels, sie arbeiten bei der Müllabfuhr oder bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Nicht zu vergessen sind die Fahrer der Lastwagen, die am frühen Morgen die Lager der Restaurantküchen und Backstuben wieder auffüllen.

Am Freitagmorgen, an dem ich beinahe ausschlafen kann, denn klingelt der Wecker erst um fünf statt um halb vier, treffe ich im Bus und in der U-Bahn eine zweite Gruppe, die man auch noch zu den Unsichtbaren zählen kann. Dieses Mal sind es viele Männer: Bauarbeiter, weitere Angestellte der öffentlichen Einrichtungen und Securitymänner.

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Mein Schulweg am Freitag führt mich am morgendlichen Schloss Schönbrunn vorbei. Nur die Sicherheitsmänner, die den Eingang bewachen und einige sehr motivierte Jogger sieht man an den Toren. Dahinter geht langsam die Sonne auf und das erste Tageslicht umreißt die Giebel. Ein wirklich schöner Anblick.

Sehr wahrscheinlich entgehen mir viele Berufsgruppen und ebenso ist die Bezeichnung der Unsichtbaren als solche übertrieben. Dennoch sind es meist die Berufe, die häufig nicht richtig wertgeschätzt werden und die an die Geschichte von den Heinzelmännchen erinnern. Man sieht die verrichtete Arbeit, allerdings nicht denjenigen, der sie verrichtet hat.

Wir Konditoren haben etwas mehr Glück, wir verlassen ebenfalls so zeitig das Haus, aber unsere Arbeit, die Torten, Kuchen, Tartes und all die anderen Mehlspeisen werden am Nachmittag im Kaffeehaus mit Genuss verspeist. Manchmal sehen wir sie, wenn wir nach verrichteter Arbeit an den großen Fenstern vorbeigehen und die Kuchenstücke auf den Tischen stehen.

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Lehrjahre sind keine Herrenjahre

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Ich kann schon gar nicht mehr aufzählen, wie oft ich diesen Satz gehört habe, seit ich mit der Lehre begonnen habe. Ich war noch nie begeistert von Sprüchen wie „Wer nichts wird, wird Wirt“, „nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ oder eben „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. So deppert diese Sätze auch sind, leider ist an ihnen meistens etwas dran. Die Wahrheit hinter dem dritten erfahre ich gerade selbst und natürlich stimmt es.

Zunächst einmal mache ich selbstverständlich alle einfacheren Aufgaben: Tarteformen mit Mürbteig auskleiden, Kipferl, Ischler und Brioche vorgären und anschließend backen und den Apfelstrudel in den Ofen schieben. Damit beginne ich um sechs, jetzt in der kalten Jahreszeit fangen wir dem Stress wegen eher an. Wenn diese Liste abgearbeitet ist, folgt die nächste Hürde auf dem Weg zum Konditor in Wien: der Topfenstrudel. Es sieht so einfach aus, wenn man zuschaut: Eiweiß mit Kristallzucker und einer Prise Salz aufschlagen, Eigelb mit Staubzucker, Brösel, Butter, Zitronenschale, Vanillezucker und Puddingpulver aufschlagen und dann den Topfen dazugeben; das Eiweiß leicht unterheben; Strudelteig ausziehen und die Fülle darauf verteilen, aufrollen und schwups ins Blech. Tja wäre das doch so einfach, denn der entscheidende Trick ist es, dass Eiweiß nicht zu überschlagen, also nicht zu steif aufschlagen. Beim Aufschlagen soll das Eiweiß weiche Spitzen vom Rand ziehen und weich und geschmeidig sein. Man darf auch nicht zu energisch den Eischnee unterheben, weil die Masse ansonsten ihre Fluffigkeit verliert. Allerdings darf man auch nicht zu wenig unterheben, ansonsten bleiben Eiweißnester, die man im Topfenstrudel nicht haben möchte. Während dem Backen soll er schön aufgehen und eine schöne goldgelbe Bräunung annehmen. Bei mir geht er weder richtig auf, noch schön goldgelb sondern eher dunkel. Alles in allem kann man sagen, Topfenstrudel ist eine Wissenschaft für sich. Und im Moment ist er für mich vor allem ein Buch mit sieben Siegeln.

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Die Lehrzeit scheint einer Art Hürdenlauf zu gleichen: Eine Hürde nach der anderen muss überwunden werden, um ans Ziel zu gelangen. Manchmal reißt man eine, dann muss man sie wieder aufstellen und erneut Anlauf nehmen.

Es ist aber auch eine Gratwanderung. Frage ich nach, entsteht der Eindruck, ich habe das mehrmals Erklärte immer noch nicht verstanden. Frage ich nicht nach, wirke ich entweder überheblich oder es geht etwas schief. Auf diesem Grat wandere ich nun und werde wohl auch in Demut geschult. Man kann noch so viel Erfahrung im Backen zu Hause haben, die Arbeit in einer Backstube ist noch einmal etwas anderes. Die Abläufe sind so viel komplexer, man arbeitet mit ganz anderen Mengen und in meinem Fall auch mit einer anderen Einheit (die Österreicher rechnen fast immer in Deka, also ein Deka sind 10 Gramm).

Dass ich jetzt wieder ganz neu anfangen muss, alles neu lernen muss und gewissermaßen die Jüngste bin, verlangt mir Demut ab. In dieser Situation war schon lange nicht mehr. Natürlich wusste ich vorher, dass mir mein Studium in der Ausbildung nichts bringen wird. Manchmal ist es aber dennoch ein komisches Gefühl mit einer universitären Vorbildung tatsächlich die unerfahrenste und unwissendste Person in der Backstube zu sein. Auch wenn mir schon häufiger ein Problem mit Autoritäten bescheinigt wurde, sind die Rollen in der Backstube vollkommen klar und die anderen wissen so viel mehr als ich, wenn es ums Backen geht.

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Mein Freund der Mürbteig und ich

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Mein Freund der Mürbeteig ist eigentlich ein ganz Zugänglicher und hat zunächst keinen all zu schwierigen Charakter, aber der Schein trügt. Er besteht aus drei Bestandteilen, die in einem Verhältnis 1 zu 2 zu 3 zueinander stehen: Zucker, Fett und Mehl. Daher wird er auch 1-2-3-Teig genannt. Soviel erstmal zu meinem neuen, naja noch nicht ganz, besten Freund.

Die erste Woche als Lehrling der Zuckerbäckerei in Wien ist vorbei. Belohnt wurde ich mit drei freien Tagen. Am Anfang werde ich wohl häufiger drei Tage hintereinander frei haben, bevor demnächst das Wetter schlechter wird und die Temperaturen sinken und die Kaffeehauszeit anbricht. Dann werden wir wohl deutlich mehr als bisher zu tun haben und drei freie Tage am Stück nicht mehr drin sein.

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Als blutiger Anfänger in der Backstube beginne ich hinten. Hinten werden morgens die Kipferl und Plunderteigteilchen erst in die Gärkammer und anschließend im Ofen gebacken. Während die Frühstücksgebäcke bei rund 40 Grad aufgehen, muss ich die Böden für die Tartes und Schnitten vorbereiten. Je nachdem wie viele an dem Tag benötigt werden, sind es meistens mindestens um die zwölf. Ein paar werden auch schon für den nächsten tag vorbereitet. Eigentlich ist Mürbeteig nicht besonders schwer, aber seinen wahren Charakter zeigt er erst beim Ausrollen. An den ersten Tagen standen mein Freund und ich wirklich auf Kriegspfad miteinander. Eine dicke Rolle Mürbteig wird Stück für Stück auf der Ausrollmaschine bis auf 3 Millimeter ausgerollt und dann in die Tarteformen gelegt. Unser Kampf beginnt in der regel zwischen dem Ausrollen von 12 Millimeter auf 5 Millimeter. Mürbeteig neigt dazu sich auf der 5mm-Seite in Wellen zu legen, die dann brechen können. Und dann muss man von Neuem beginnen, prinzipiell kein Problem, aber Mürbeteig mag es nicht zu oft geknetet zu werden und bei jedem Ausrollen muss er mit etwas Mehl bestäubt werden, damit er nicht festklebt. Kurz anheben und glatt streichen und die Wellen sind beseitigt, noch schnell die ausgefransten Ränder begradigen und weiter kann es gehen, von 5 auf 3. Das ist der Punkt an dem ich mich mit meinem Freund dem Mürbteig immer wieder in den Haaren liege: er reißt. Ich weiß nicht warum, aber er will einfach nicht. Aus einer einfachen Aufgabe von wenigen Minuten wird eine never ending story.IMG_20150924_142827

Am dritten Tag in der Backstube und das erste Mal alleine hinten haben wir uns zusammen gerauft. Manchmal kommt man mit kleinen Schritten eben doch schneller ans Ziel als mit großen: Mit weniger Teig ist mir das ganze nicht mehr eingerissen und ich konnte den Frust langsam abbauen. In den nächsten Wochen werde ich mich hoffentlich steigern, nicht mehr reißen lassen und schneller werden.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

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Eigentlich bin ich weniger ein Freund des Gedichts, das die Deutschen vor Jahren in einer Umfrage zu ihrem Lieblingsgedicht gewählt haben, aber nichts desto trotz musste ich dieser Tage oft daran denken. Oft wird der Abschied von einem Ort, einem Lebensabschnitt und auch lieb gewonnenen Personen durch den Zauber des Anfangs vereinfacht oder vielleicht eher überdeckt. Die letzten Jahre habe ich in deutschen mittel großen Universitätsstädten verbracht. Der Umzug nach Wien ist also ein Abenteuer in vielerlei Hinsicht: eine vollkommen neue Arbeit, eine vollkommen neue Stadt, ein vollkommen neues Land.

Der in Hesses Gedicht beschriebene Zauber beschreibt die Magie und den Reiz des Neuen, die Energie und Lust, sich in etwas Unbekanntes zu stürzen, den Kitzel des Unvorhersehbaren. Dieser Zauber hat sich in meinem Fall noch nicht so recht eingestellt. Bevor ich morgen meinen ersten Arbeitstag habe, musste ich einen Marathon an Behördengängen machen. An den verschiedensten Stellen stellte sich schnell die Frage, wer war eher da, Henne oder Ei. Ich dachte immer, wir Deutschen sind die Weltmeister der Bürokratie. Österreich lehrt mich gerade eines besseren. Gut möglich, dass ich als nicht-österreichischer Staatsbürger natürlich mehr Papiere brauche als in Deutschland.
20150913_18093220150913_180333Letztendlich habe ich den Teufelskreis der Bürokratie durchbrochen: Der erste Dreh- und Angelpunkt ist der Meldezettel. Den Meldezettel brauche ich für die Berufsschule, den Lehrvertrag und dem Bankkonto. Den Lehrvertrag bekomme ich erst, wenn ich arbeite und sinnvollerweise sollte ich da bereits ein Bankkonto angeben können. Die Berufsschule war erstaunlicherweise relativ unbürokratisch: Ohne die vollständigen Unterlagen, allerdings nicht ganz ohne, konnte ich mich dennoch schon einschreiben. Beim Bankkonto und Handyvertrag allerdings wird es richtig kompliziert. Das ist die Henne-Ei-Frage in Reinkultur: Ich habe ein Onlinekonto abgeschlossen, dass ich über eine Handypin benutzen kann. Diese Pin kann allerdings nur an eine österreichische Nummer geschickt werden. Einen Handyvertrag kann ich allerdings nur mit einem österreichischen Konto abschließen und – jetzt wird es umständlich – nur wenn ich eine „Bescheinigung des Daueraufenthaltes für EWR- und Schweizer BürgerInnen“ habe. Diese Bescheinigung bekomme ich nur auf einem bestimmten Amt, das natürlich die üblichen Öffnungszeiten hat, zu denen man normalerweise arbeiten muss, und ich bekomme sie nur mit dem Lehrvertrag.

Ende dieser Woche sollte ich vollständig in den Wiener Alltag integriert sien, mit Arbeitsplatz, Handy, Bankkonto und einer Meldebescheinigung.

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Abenteuer voraus!

In der Schule, ich glaube es war in der achten Klasse, sollten wir alle eine große Kollage im Kunstunterricht anfertigen. Es sollte eine Art „Klassenstadt“ werden, jeder hatte sien eigenes Haus und gemeinsam haben wir dann die Stadt entworfen. Unsere individuellen Häuser sollten unsere Charaktere darstellen und durften ganz nach unseren Wünschen gestaltet werden. Einer meiner engsten Freunde, Matthias, und ich haben damals beschlossen, gemeinsam in ein Haus zu ziehen. Jeder hatte sein eigenes, nur wir zwei tanzten wieder einmal aus der Reihe. Unser Haus wurde groß und schön und stand mitten in der Stadt. Wir wohnten im ersten Stock, vor den Fenstern Blumenkästen und eine herrliche Aussicht. Im Erdgeschoss hatten wir eine Konditorei vorgesehen. Über den großen Schaufenstern, in denen selbst gemachte Lollis und Kuchen standen, hing ein großes Schild, auf das Matthias „Konditorei Schleckermäulchen“ geschrieben hatte. Im Laufe der Kunststunden, die wir mit unserer Stadt verbrachten, wollte ich Matthias die Wohnung über der Konditorei überlassen und bastelte ein Segelboot, das auf einem Trockendeck stand und etwas abseits lag.

Das ganze ist jetzt etwa vierzehn Jahre her. Wir haben mittlerweile studiert: Matthias Lehramt und ich Französisch und noch einiges anderes. Über einer Konditorei wohnt er nicht und ich nicht in einem Segelboot auf dem Trockenen. Doch eine Sache wird sich nach all den Jahren vielleicht doch erfüllen. Vor einem halben Jahr habe ich mich für eine Ausbildungsstelle zur Konditorin in Wien beworben. Ich habe dreizehn Bewerbungen in die Wiener Konditorenwelt hinausgeschickt. Zwei Tage später wurde ich früh von einer ausländischen Nummer aus dem Schlaf geklingelt, naja es war zehn Uhr morgens, aber für mein Studentenleben echt zeitig. Eine Frauenstimme am anderen End teilte mir mit, dass sie mich kennen lernen wollen und ich bescheid geben soll, wenn ich mal wieder in Wien bin. Ich war total aus dem Häuschen. Irgendjemand fand meinen Wunsch, mit 26 ein Ausbildung anzufangen, nicht vollkommen abwegig. In den darauffolgenden Wochen kamen fast nur Absagen, per Mail oder auch auf dem Postweg.

Im Februar habe ich drei Tage Probe gearbeitet. Ich wusste, dass es eine harte Arbeit sein wird, dass es unmenschliche Arbeitszeiten sind und man immer im Hintergrund bleibt. Aber es hat mich nicht abgeschreckt. Ab September werde ich in der Hauptstadt der Mehlspeisen in ihre Geheimnisse eingeweiht werden. Ich werde in der Backstube alle Massen und Teige, Crèmes, Füllungen und Glasuren kennen lernen, und auf der Schule den Rest. Es wird eine anstrengende und aufregende Zeit!