Ein Rückblick

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Es ist schon eine Weile her, um genau zu sein 79 Tage, dass ich meine Gesellenprüfung zur Konditorin abgelegt habe. Am 11. September war es schließlich so weit sein, aus dem Lehrling sollte eine Gesellin werden. Letztlich habe ich mich die gesamte Lehrzeit auf diesen Tag und natürlich die folgenden Berufsjahre vorbereitet. Rückblickend kann ich sagen, in meinem Lehrbetrieb habe ich viel gelernt, was man macht und, irgendwie auch, was nicht. Einen Großteil der zu bewältigenden Aufgaben habe ich letztlich Zuhause trainiert.

Die Gesellenprüfung ist in zwei Teile geteilt, der erste ist der praktische, der zweite ein Fachgespräch mit drei Prüfern. Für die Praxis hatten wir fünf Stunden Zeit und eine Stunde Puffer. In dieser Zeit musste eine Festtagstorte, das heißt eine Torte mit Schaustück, eine Auffschnitttorte, die verkostet wird, und eine Sachertorte mit Randverzierung und Text angefertigt werden. Darüber hinaus sollten vier Sorten Kekse, nach unterschiedlichen Anforderungen, vier Sorten Petits Fours, ebenfalls nach bestimmten Anforderungen, und eine warme Mehlspeise hergestellt werden. Zusätzlich noch Marzipanfiguren und ein Blumenbouquet aus Marzipan oder anderen essbaren Materialien gefertigt werden. Um alles in der vorgegebenen Zeit schaffen zu können, durften wir die Rohkörper mitbringen und die restlichen Zutaten auswiegen. Letzten Endes liegt der Erfolg darin, die Handgriffe zu beherrschen und ein gutes Zeitmanagement  zu haben.

Bereits Monate vor der Prüfung wussten wir, welche Aufgaben uns bevorstehen würden und natürlich wollten wir mitunter das Rad neu erfinden. Die ersten Überlegungen zielten weit über die Erwartungen und den Zeitrahmen hinaus. Ich hatte mich früh für das Thema „Frankreich“ entschieden, was jene, die mich kennen, wenig überraschen wird. Außerdem bietet Frankreich sowohl auf der süßen Seite als auch bei Stereotypen und Symbolen viel her. Zunächst wollte ich eine Montgolfière aus Zucker in den Himmel steigen lassen und Macarons vor Ort backen. Doch Gott sei Dank, ging in beiden Fällen bereits bei diversen Proben vieles schief, sodass ich schnell auf eine einfacheres Programm umgestellt habe:

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> eine Torte mit Bistrotisch, Croissant, Zeitung und einer Tasse Kaffee, an dessen Tischtuch ein Hund zieht

> eine Mokkabuttercremetorte

> eine Sachertorte mit „La Tour de France“

> Sablés Bretons, Lavendel-Zitronen-Kekse, Vanillemacarons und Kaffeemacarons

> Schokoladenwürfel mit Orange, Kaffeetürme, Himbeermacarons mit Vanille und Mini-Zitronentartelettes

> Crêpes mit Erdbeeren

> der Hund Filou und eine Maus mit Käse aus Marzipan sowie

> ein Strauß Nelken

Einzelne Elemente habe ich über die Monate vor der Prüfung immer wieder getestet, doch der erste Probelauf von A bis Z habe ich etwa eine Woche vor der Prüfung gemacht. Und wie es kommen musste ging alles schief. Die Buttercreme für die Mokkatorte wurde zum Desaster und nach neun Stunden war immer noch nicht alles fertig. Den Tränen nahe und verzweifelt musste ich mich also wieder den Vorbereitungen für den nächsten Probelauf widmen. Denn schon allein die Vorbereitungen waren sehr umfangreich: alles Zutaten auswiegen und beschriften, die Rohkörper, also Tortenböden und Korpusse, backen, das Marzipan und all die anderen Materialien einfärben und auswiegen. Im zweiten Durchlauf lag ich schon viel besser in der Zeit mit knapp fünfeinhalb Stunden.

Der 11. September war ein Montag. Den gesamten Sonntag hatte ich mit den Vorbereitungen verbracht und die Kisten gepackt. Zu guter Letzt kam das KitchenAid oben darauf, denn in der Innung, wo die Prüfung abgenommen wurde, gibt es nicht genug Maschinen für alle acht Prüflinge. Während meine Marille bereits im Sommer geprüft wurde, sollten Jule und ich gemeinsam diesen Tag durchstehen. Der Tag begann früh, ab sieben Uhr morgens konnten wir loslegen. Vor der Innung war bereits Andrang, als Marille mich mit meinem Kram dort absetzte und mit mir meinen Arbeitsplatz eingerichtet hat. Wir waren nur zu siebt und so hatte ich auch noch die achten Arbeitsplatz und konnte mich ausbreiten.

Die Handgriffe saßen, doch natürlich mussten die ein oder anderen Dinge schief gehen. So wurde zum Beispiel ein Teil des Massa Ticino, die Zuckerdecke mit der die Festttagstorte eingedeckt werden sollte, zur Hälfte von der Ausrollmaschine „gefressen“ und war nicht mehr zu gebrauchen. Doch irgendwie habe ich es dennoch geschafft, mit dem halben Material die hohe Torte einzudecken. Auch die Sachertorte war bei Weitem nicht so schön glasiert, wie ich es eigentlich konnte. Stück für Stück wurden die Einzelteile fertig und ich lag gut in der Zeit. Am Ende konnten wir, die bereits fertig waren, den anderen helfen. Manchen fehlten noch die warmen Mehlspeisen oder die Petits Fours waren noch nicht angerichtet.

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Die anschließende mündliche Prüfung wurde alphabetisch abgearbeitet, ich musste bis zum bitteren Ende warten und jede, die fertig war, wurde nach Details ausgequetscht: Was wollten sie wissen, welche Themen kamen dran, was hast du gesagt und wie war’s? Als ich dran war, standen bereits die Familien draußen vor der Tür und warteten sehnsüchtig auf die Ergebnisse. Nach einigen Fragen zu Milchprodukten, die wir in der Konditorei verwenden, kamen Fragen zu Pralinen. Sie brachten mich ins Schwimmen, aber glücklicherweise kam ich auf den richtigen Pfad. Der letzte der drei Prüfer meinte, dass ihm eigentlich nur noch eine Frage bleibt, warum ich denn „Frankreich“ als Thema gewählt hätte. Nach einem kurzen Geplänkel über meine Frankophilie und auch über meine böhmische Großmutter, wurde ich entlassen.

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Mit Spannung wurden die Bewertungen erwartet, die Praxis haben alle bestanden, nur bei der Theorie hatte eine von uns sieben weniger Glück. Zu meiner eigenen Überraschung habe ich die Prüfung sogar mit Auszeichnung bestanden.

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Erschöpft von der Anstrengung habe ich die Torten und anderen Leckereien anschließend bei Nachbarn, Kollegen und bei den Jungs meiner Fahrradwerkstatt verteilt. Für lange Zeit konnte ich keine Zitronentartes, Macarons und Mokkatorten mehr sehen.

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