Die süße Verführung
von melle.sophie
Mit dem Jahreswechsel beginnt in Wien die Ballsaison, eigentlich ja schon im November mit dem Faschingsbeginn, aber die wirklich großen Bälle werden erst ab Januar veranstaltet. Zu den Highlights zählt auch der Zuckerbäckerball, der alljährlich von der Innung ausgerichtet wird und ganz in grellem Rosa gehalten ist.

Gestern fand er wieder in der Hofburg statt und auch dieses Mal ganz in Rosa. Für uns Zuckerbäckerlehrlinge ist der Ball zwar keine Pflichtveranstaltung, schließlich kosten die Karten entweder fünfzig oder hundert Euro, aber ab dem dritten Lehrjahr dürfen wir bei dem Vienna Junior Cakemaster mitmachen, dem Wettbewerb im Rahmen des Balls. Die Schaustücke müssen aus rein essbaren Materialien hergestellt werden und zu dem Thema passen.
Irgendwann im Dezember wurde das Thema für den Wettbewerb bekannt gegeben: Wiener Sehenswürdigkeiten. Oh, da strudelten die Ideen: Sissi und Franz, Schönbrunn, die Gloriette, die Hofburg, der Ring, Kaffeehäuser, die Oper. Da weder Marlene, mein Mitlehrlingsmädchen in der Backstube, noch ich sonderlich viel Erfahrung haben, wenn es um Schaustücke geht, haben wir schnell beschlossen eines gemeinsam zu machen, in der Hälfte zu teilen und gemeinsam einzeln anzutreten. Da wir uns eh keine Chancen ausgemalt haben und es uns einerseits um die Freikarten und andererseits um die Übung ging, interessierte uns auch eine mögliche Disqualifizierung nicht. Und dieser Gedanke nahm uns in der Vorbereitung, Planung und Umsetzung den Druck.
Zunächst wollten wir die Gloriette, der zierliche und lichtdurchflutete Pavillon oben auf der Anhöhe hinter Schloss Schönbrunn, machen und Sissi und Franzl davor. Doch irgendwann kam mir der Gedanke, dass Sehenswürdigkeiten nicht zwingend Gebäude sein müssen, sondern auch immaterielle Dinge sein können. Eines der berühmtesten und in Wien auch durchaus kontrovers betrachtetes Ereignis ist der Wiener Opernball. Und so entstand unsere Idee, die Opfer von innen darzustellen mit einem geteilten Ballpaar und Zuschauern. Da wir beide Ballett sehr mögen und es auf jedem Opernball auch immer eine Tanzeinlage von Balletttänzern gibt, wurde aus dem Ballpaar ein Ballettpaar. Und dieser Wandel ermöglichte es uns im Falle der Zeitknappheit vom Opernball zur Oper umzuschwenken und die Zuschauer auf der Tanzfläche einfach wegzulassen.
Naja und dann kam die Vorweihnachtszeit und ich habe Kekse gebacken und Schachteln gebaut, musste Geschenke einkaufen und war vollends mit allem anderen beschäftigt. Nach den Weihnachtsfeiertagen und dem Rutsch ins Jahr 2017 mussten wir aber endlich in die Puschen kommen. Der Plan war, die Figuren aus Zucker zu ziehen, zu modellieren, zu blasen – wir hatten keine Ahnung. Nach etlichen verbrannten Fingern und der Einsicht, dass das so nichts wird, sind wir auf andere Materialien umgestiegen.

Am 4. Januar haben wir den letzten Versuch mit Zucker unternommen und den Plan für die Alternative geschmiedet: Pastillage oder auch Gelatinezucker genannt. Ab Donnerstag, dem 5. Januar, standen wir täglich entweder in der Backstube und haben gewerkelt oder bei mir Zuhause in unserem „Atelier“. Dank Marlene haben wir noch rechtzeitig gelesen, dass es eine Mindesthöhe gibt von 40 cm, damit war auch die Idee einer zweistöckigen Torte geboren: zwei Rechtecke unten in samtigen Rot und eine runde braun gemaserte Tanzfläche darauf. In einem Halbrund sollten die Opernlogen um die Tanzfläche gestellt werden und zentral die Tänzer.
Zunächst haben wir unsere Pastillage gemischt: Puderzucker, Gelatine und Glukosesirup. Wir haben beide noch nie mit diesem Material gearbeitet und wussten auch nicht recht ob es eigentlich die richtige Entscheidung war. Bei Pastillage handelt es sich um eine Art essbare schneeweiße Knete, die sehr schnell antrocknet. Ist sie einmal trocken kann man daraus sehr gut Aufbauten herstellen, man muss nur schnell arbeiten. Die einzelnen Streifen der Rückwand wurden ausgerollt und zugeschnitten und getrocknet, die Stützen für die Statik auch.

Am nächsten Tag wurden die Opernpaneele mit einer Mischung aus löslichem Kaffee und Rum eingestrichen, dadurch erhielten sie die gewünschte Elfenbeinfarbe. Nach dem Trocknen haben wir die Logen aufgemalt, natürlich in Samtrot. Marlene hat in jede Loge die Besucher gezeichnet, jede ist anders besetzt: mal ist es eine Gruppe von drei Herren, mal in Damenbegleitung, auch ein Afro und ein Sikh waren anwesend und nicht zu vergessen zwei Burka tragende Frauen mit Kind. Viele der Damen tragen achtziger Jahre Frisuren, die man als Silhouette natürlich besser zeichnen kann. Während dessen habe ich aus rotem Massa Ticino über vierundsechzig kleine Vorhänge für die Logen gefaltet. Dann wurden die Balkone angeklebt, mit Isomaltzucker, und anschließend die einzelnen Paneele noch mit goldener Spritzglasur verziert.
Die nächste Etappe waren die Figuren. Ohne wirklich darüber zu sprechen war uns beiden klar, dass Marlene den Tänzer macht und ich die Primaballerina. Die Posen waren im Zuge der Gestaltung entstanden: er macht einen Ausfallschritt und sie eine Arabesque. Die zierlichen Körper waren eine echte Herausforderung zumal wir beide zuvor noch nie wirklich eine vollständige Figur modelliert haben. Später kamen noch Gesicht, Haare und Kleidung dazu.
Als Tortengrundlage brauchten wir etwas stabiles, da eignet sich eine Sachertorte am besten und geht auch am schnellsten. Also haben wir eine Masse für acht Sacher angeschlagen und auf zwei Kapseln, Rechtecke, und eine runde Form mit einem Durchmesser von 36 cm aufgeteilt. Während diese Torten im Ofen aufgingen haben wir das Massa Ticino zum Eindecken eingefärbt: ganze Döschen Ruby-Rot verschwanden in dieser Zuckermasse und auch für den Tanzboden haben wir Massa Ticino in fünf verschiedene Brauntöne gefärbt und schließlich marmoriert.
Am Dienstag haben wir nun die Holzunterlagen vorbereitet und die Torten eingedeckt. Aus reinen Sachertorten wurde unsere Bühne samt Podest.
Unglücklicherweise ist an dem Abend auch noch das Standbein meiner Primaballerina abgebrochen, was mich nahezu an den Rand der Verzweiflung gebracht hat, aber da wir am nächsten Tag Schule hatten und ich mir da fachmännischen Rat holen konnte, war das Projekt gerettet. Letztlich musste ich das Bein neu moderieren und als Verstärkung habe ich eine Macaroni hineingeschoben, die als Stütze durch beide Sachertorten gesteckt wurde.

Mittwochabend wurden noch die letzten Verzierungen an den Torten angebracht, die Materialkisten und der Werkzeugkorb gepackt.

Am Donnerstagmittag haben wir alle Einzelteile in die Hofburg gebracht und dort das Schaustück zusammengesetzt. Es herrschte rege Begängnis, da natürlich alle zeitgleich anliefern und aufbauen. Natürlich gab es kleine Dramen, hier und da auch Tränen, weil etwas nicht gehalten hat. Aber nach gut anderthalb Stunden stand unser Werk, auch nebeneinander und gegenüber von unserer besten Freundin Jule mit ihrer Kaffeehauskultur.
Danach hieß es durchatmen und sich auf den Ball vorbereiten und hoffen, dass die Tänzer noch stehen, wenn die Jury kommt.
