Ohne Klarheit in der Sprache …

ist der Mensch nur ein Gartenzwerg. Das sangen schon Sven Regener und seine Jungs von Element of Crime. Aus den sommerlichen Gartenzwergen mit karierten Kochhosen und fleckigen Schürzen sind nahezu über Nacht wieder die emsigen Heinzelmännchen in der Backstube geworden.

Die letzten warmen Tage in Berlin, nein in meinem Fall ist es in Wien, liegen schon etwas zurück. Doch der Wechsel von Schanigartenwärme* zu Kaffeehauskälte kam für mich plötzlich. Mit einem Mal sprang die Produktion in die Höhe und von kurzen Arbeitstagen sind wir zu Überstunden gewechselt. Mit zunehmender Geschäftigkeit in der Backstube müssen wir natürlich auch mehr kommunizieren als noch an den warmen Tagen und so drängten Beobachtungen wieder nach vorn.

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Meinem Empfinden nach ist die gemeinsame Sprache zwischen Deutschland und Österreich ein einendes Element, hüben und drüben kaufen wie die gleichen Bücher, wir kennen die beiden Preisauszeichnungen auf dem Buchdeckel, und schauen die gleichen Filme. Die Zeit gibt es auch in einer österreichischen Ausgaben mit einigen speziellen Seiten über Österreich. Doch Gemeinsamkeiten können auch trennen.

Sicher gibt das böses Blut, doch Sprache ist, das wissen wir, das allerhöchste Gut …

Die vermeintlich nicht vorhandene Sprachbarriere für mich erwies sich als ebenso hoch oder niedrig wie während meines Praktikums in Südfrankreich. In vielleicht neunzig Prozent der Zeit verstehe ich alles, aber dann gibt es noch die restlichen zehn. Es sind die Zehn der Missverständnisse, Irrtümern, „Neologismen“ und Fremdwörtern. Maßgeblich beeinflusst werden diese Zehn von Stress, Nebengeräuschen und der fremden Umgebung. Sprache ist ein kontextabhängiges System, das nie abgeschlossen sein kann.

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Für mich hat sich das österreichische Deutsch als Fach- und Arbeitssprache etabliert: In der Backstube gibt es Kübel, keine Eimer, Obers und keine Sahne, Topfen statt Quark, Marillen anstelle von Aprikosen, aber auch Schöpfer statt Kelle, Gummihund statt Teigspachtel. Doch Zuhause kommen die Abfälle doch in den Mülleimer und nicht in den Mistkübel. Doch auch außerhalb der Backstube, im Supermarkt oder auch in anderen Einrichtungen wie Ämtern und bei Ärzten stehe ich gelegentlich ratlos einem Unterschied im Vokabular gegenüber: was hier Kohl heißt, ist bei uns der Wirsing; die hiesige Putzerei ist in Deutschland die Reinigung; und mit schiach ist nicht etwa schön gemeint sondern das Gegenteil. Es braucht eine Weile, um dem schier undurchdringlichen Dschungel an Fremdwörtern sich Klarheit in der Sprache zu erkämpfen. Doch ist man diesen Weg einmal gegangen, sind Übernahmen in den eigenen aktiven Wortschatz kaum zu vermeiden. Mit einem Augenzwinkern sage ich heute, ich sei zweisprachig unterwegs.

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Die Unterschiede zwischen diesen beiden „Deutsch“ fällt auch auf, wenn wir unseren eingewanderten Kollegen mit Begriffen und Erklärungen das Allerlei der Backstube erläutern. Sie kamen und kommen aus aller Herren Länder: Philippinen, Indien, Afghanistan, Kroatien, Serbien, Griechenland, Ungarn und Rumänien. Auffällig ist, dass je verzweifelter unsere Backstubenleiterin versucht einem der Männer etwas verständlich zu machen, desto mehr verfällt sie in den Wiener Dialekt und die Situation wird immer verworrener. Bei Stress und Unsicherheit versuchen wir in unsere Komfortzone zurückzukehren, doch wenn sie nicht geteilt wird, verlieren wir uns.

… und ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.

Dass Weihnachten seine Besonderheiten weltweit mit sich bringt, überrascht wenig. Mittlerweile brennen hier drei Kerzen am Adventkranz und in ganz Österreich öffnen wir nun Tag für Tag ein neues Türchen des Adventkalenders. Dass es für das Binde- oder Fugen-s keine allgemeingültige Regel gibt, wissen wir spätestens seit Bastian Sick und dem tot gesagten Genitiv. Doch in der Backstube wurde daraus eine deutsche Eigenart. Der Duden erlaubt sowohl den einen als auch den anderen Kranz, wobei der eine eindeutig als österreichisch vermerkt ist. Dass der Weihnachtsmann ebenfalls ein Fugen-s trägt, ist ja selbstverständlich. Denn in Österreich kommt das Christkind am Heiligen Abend, der Weihnachtsmann kam über Deutschland in den Alpenstaat und hat erst mitgebracht.

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Gut, dass sich in dieser Welt noch jemand an die großen Fragen wagt …

Doch neben den verschiedenen Varianten der Sprache habe ich auch festgestellt, dass der Umgang mit und die Einstellung zur Sprache nicht von allen gleichermaßen geteilt werden. Meinen Kollegen dient Sprache als notwendiges Mittel, um um sich mitzuteilen. Sie ist Mittel zum Zweck. Von Zuhause und durch die zahlreichen Scrabbleabende ist sie für mich ein Gegenstand von Interesse und Spiel geworden. Es fällt dann auf, wenn das selbe Wort von einer Person unterschiedlich geschrieben wird, oder sich andere Schnitzer einschleichen.

… und eine Anstrengung gedanklicher Natur unternimmt ohne Geld, gut auch, wenn man so wie wir keinen Dank dafür erwartet …

Ich bin Situationen, in denen eine gewissen Wortgewandtheit unsere unterschiedlichen Bildungswege allzu sehr offenbart, meist ausgewichen. Doch mittlerweile haben wir uns darauf verständigt, dass ich die Studierte bin und Deutschdeutsch red*e, während wir hier in Wien Österreichischdeutsch sprechen. Diskussionen über Sprache umschiffen wir.

… und sich selbst nicht lobt, weil man bescheiden und genügsam gar nichts will als noch ein Bier

Aber sie sagt man hier so schön: Irgendwie geht sich das schon aus!

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* ein Schanigarten ist ein kleiner Gastgarten, der so genannt wird, weil man früher gerufen hat: „Schani, stell den Garten hinaus!“ Wobei Schani eine Kurzform von Johann ist, ein häufiger Name von Kellern, ähnlich wie der Schakl (ursprünglich Jacques, jemand der Hilfsdienste erledigt).