Wir fliegen solo

Samstag, 6. August
Unsere Wahrnehmung von Dingen, Personen und Ereignissen verändert sich mit den Erfahrungen, die wir machen. Das ist im Leben, in Beziehungen und auch in der Backstube so. Zunächst erscheint einem manches als unglaublich schwer, doch später versteht man gar nicht mehr warum eigentlich. In einem meiner ersten Einträge habe ich über meinen Freund den Mürbteig geschrieben. Zu dem Zeitpunkt war es wohl eher eine Kampfbeziehung als eine Liebesbeziehung. Doch wir sind beide gereift und haben uns kennen gelernt. Wir kennen die Schwächen des anderem und meistens sind wir auf einer Wellenlänge.
Nachdem diese Herausforderung zu einer der Arbeiten in der Backstube geworden ist, die mir Vertrauen und Selbstbewusstsein gibt, konnten auch die nächsten Arbeitsschritte nicht mehr zu ähnlichen Panikattacken und Herzklopfen führen.
Die ersten Tage in der Backstube hat mich der Gedanke, ich, ja ich produziere etwas für den Verkauf, sehr beschäftigt. Der Ruf eines der Wiener Kaffeehäuser liegt unter anderem in meinen Händen. Diese Verantwortung hat das anfängliche Herzklopfen noch verstärkt. Doch mit den Wochen und Monaten setzte eine Relativierung ein. Auch wenn mal etwas schief gegangen ist, das Kaffeehaus steht noch und die Verantwortung liegt nicht bei uns Lehrlingen allein. Was noch vor eine paar Monaten Zauberei glich, ist zum Alltag geworden und auch die Verantwortung wird nun mit Fassung getragen. Und so gut wie nichts mehr erscheint als ein unüberwindbares Hindernis. Bei den meisten Sachen fehlt höchstens die Übung.
Doch nun steht einer der größten Schritte in unserem Lehrlingsleben an: meine Marille und ich fliegen solo. Ob unser Betrieb es rechtlich darf, zwei Lehrlinge ohne Aufsicht in der Backstube hantieren zu lassen, wissen wir nicht. Vermutlich eher nicht. Aber das Vertrauen wird uns entgegen gebracht. Es fühlt sich wie ein Ritterschlag an, als ob wir mit einem Palettenstreich und der Verleihung der goldenen Teigkarte in die Gemeinschaft der Zuckerbäcker aufgenommen werden.
Ich schreibe diesen Text bevor wir zum ersten Mal Solo geflogen sind. In weniger als achtundvierzig Stunden ist es soweit. Wir werden entscheiden, welche Tartes und Torten wir produzieren, welche Vorarbeiten gemacht werden und welche Zutaten wir nachbestellen müssen. Wir allein werden gerade stehen müssen, wenn etwas schief geht.


Montag, 8. August
Der Tag ist überstanden. Mit Bravour. Es ist nichts schief gegangen und die schlimmsten Katastrophen sind ausgeblieben. Es war ein stiller Ritterschlag, denn anscheinend waren auch unsere Chefs nicht richtig im Bilde darüber gewesen. Die Chefin ließ es unkommentiert und der nur der Chef nickte anerkennend, als wir nach Hause gingen.
Doch von Anfang an. Eigentlich war es wie immer, nur dass Marille und ich uns seit mindestens zwei Wochen nicht gesehen hatten und das Wiedersehen besonders herzlich ausfiel. Mit gegenseitiger Kontrolle haben wir entschieden, welche Kuchen heute den Gästen kredenzt werden: Apfelstrudel, Topfenstrudel, Himbeertopfentarte, Schoko-Rahm-Tarte, Schokomoussetarte, Heidelbeervanilletarte, Sachertorte, Mohn-Himbeertorte und unsere Schokomoussetorte … Eigentlich das Standardprogramm. Alles haben wir bereits hundertmal gemacht, die Handgriffe sitze. Doch eine Neuerung kam dann doch auf mich zu: ein neues Dessert, dass wir für die Küche backen, ein Apfel-Erdbeet-Walnuss-Strudel. Mit etwas Hilfe von Marille nahm ich auch diese Hürde.

Wir haben so ein Glück, dass wir uns so gut verstehen und ein eingespieltes Team sind. Wir kennen die Handgriffe der anderen und können so unkompliziert auch Arbeiten von einander übernehmen. Mit rund 250 Stück Kuchen für drei Kaffeehäuser wurden wir heute auch nicht überfordert, mit etwas Nachmittagsarbeit konnten wir stressfrei bereits nach sieben Stunden wieder die Arbeit verlassen. Und haben natürlich erst einmal am Donaukanal auf diesen Tag angestoßen!
Wir hatten die klassische Arbeitsteilung: die Backstubenälteste ist vorn und schlägt die Massen an, die Backstubenjüngere ist hinten und bereitet die Kipferl und Strudel vor. Morgen werden wir tauschen und ich bin vorne, der nächste Adelsschlag. Ansonsten war eigentlich alles wie immer, nur die Musik war besser. Mal machten uns die Sportfreunde Stiller „Ein Kompliment“ und dann setzten uns Wir sind Helden „Ein Denkmal“. Aber auch Elvis stand uns in diesen Stunden bei.
Morgen werde ich noch eine kleine Ergänzung schreiben und ein Rezept von meinem neuen Lieblingskuchen anhängen. Doch bis dahin träume ich vom Backstubenhimmel.
