Das Lächeln der Lehrlinge
von melle.sophie

Seit Monaten kreisen meine Gedanken um diesen Text. Ich habe aufgehört die unzähligen Versionen, die ich eine nach der anderen in den Laptop getippt habe, zu zählen. Die Grundgedanken waren immer klar, doch die Struktur, der Aufbau wollte einfach nicht werden. Mit der Zeit haben sich die Erfahrungen und Eindrücke erweitert und verändert. Und doch bleibt die Spannung, wie schreibt man über etwas heikles wie Hierarchie. Ich will mich weder beschweren noch lustig machen.
Dennoch fängt es irgendwie dann doch genau da an. Es ist schon lange her, im Herbst, hinter meinen Lehrlingsohren war alles noch grün, da wurde mir gesagt: „Sophie, du lächelst zu viel.“ Ich bin versteinert und hörte sofort auf zu lächeln. Mir wurde in der Zeit andauernd etwas neues gezeigt, manches auch immer wieder, bis die Handgriffe saßen, und aus Begeisterung und Ehrfurcht vor den Fertigkeiten meiner Backstubenleiterin habe ich gelächelt. Doch sie fühlte sich anscheinend nicht ernst genommen. Dass Mächtige ein durchaus schwieriges Verhältnis zum Lachen haben, wissen wir nicht erst seit den außenpolitischen Zerwürfnissen in diesem Winter. Doch dass mein Lächeln Anstoß fand, hat mich sehr lange beschäftigt. Aus der Versteinerung wurde zwar kein Trotz, aber seit dem verkneife ich mir das Lächeln, wenn mir etwas gezeigt wird. Aber loslässt mich dieses Ereignis nicht. Schließlich vergiftet der Mönch Jorge von Burgos die Seiten des lange verschollen geglaubten Werkes von Aristoteles über die Komödie, damit niemand dieses gefährliche Buch lesen kann. „Der lachende Bauer fühlt sich als Herr, denn er hat die Herrschaftsverhältnisse umgekehrt,“ sagt Jorge von Burgos im „Namen der Rose“. Wer lacht, hat keine Angst mehr. Doch nun sind Lachen und Lächeln nicht dasselbe. Es ist eine Spielart des Lachens und doch wird dem Lächeln gern eine suffisante Noten unterstellt. Schließlich belächelt man jemanden auch. Aber es ist auch ein Zeichen von Unsicherheit, wie oft lächelt man, wenn man etwas nicht verstanden hat oder wenn man die Antwort nicht weiß.
Mit den Monaten hat sich die Anspannung gelegt, die Erklärungen und Verbesserungen sind weniger geworden und nun kann wieder gelächelt werden. Unser Chef, der Kaffeehausbesitzer, freut sich, dass wir Lehrmädchen immer ein Lächeln auf den Lippen haben.
Das Lächeln gab den Anstoß, um über Hierarchie nachzudenken, doch es reicht noch weiter. Wie wahrscheinlich in jedem größeren Betrieb, auf jedem Schiff, ob auf dem Wasser oder auf festem Grund, gibt es eine klare Hierarchie. In unserem Mikrokosmos Backstube stehe ich noch (fast) ganz unten. Ich bin die „jüngste“ im Team, denn auch wenn einige Kolleginnen jünger sind als ich, bin ich am (zweit) kürzesten in der Backstube. Über mir sind noch das zweite Lehrmädchen, die wir liebevoll Marille nennen, zwei Gesellinnen und die Backstubenleiterin. Die Hierarchie wird streng eingehalten, doch je näher wir uns kennen, desto weniger starr empfinde ich sie. Und wie überall hilft auch bei uns die klare Rollenverteilung bei der Strukturierung der Aufgaben. Sie beantwortet Fragen, bevor sie gestellt werden und gibt Handlungen vor, wenn Veränderungen Einzug halten.
Wenn Koordinaten wie Alter und Berufserfahrung in einem solchen System durcheinander geraten, bleibt uns nur die interne Hierarchie. Aber auch wenn diese nicht von allen angenommen wird, kommt Unruhe in das System. Seit einigen Wochen werden wir von einer neuen Gesellin unterstützt, sie ist jünger als ich, hat aber mehr Berufserfahrung. Noch sind ihr die Abläufe nicht ganz in Fleisch und Blut übergegangen, so dass sie auf Hilfe von uns Lehrmädchen angewiesen ist. Obwohl sie als Gesellin die Verantwortung für die Schicht hat, übernehmen öfters wir, die Lehrmädchen die Regie. Das System kommt ins Wanken, wenn Hierarchie einerseits gefordert und andererseits nicht gelebt wird. Aber noch ist Sommer und wir haben Zeit das Getriebe zu ölen, bis es im Winter wie geschmiert laufen muss.

Doch wir kreisen nicht allein im Orbit, wir sind nur eine kleine Konstellation in einem größeren System. Dazukommen noch die Bedienungen, das Küchenpersonal, der Geschäftsführer und die Besitzerfamilie.
Da wir in einem Familienunternehmen arbeiten, dessen Namen über der Eingangstür hängt, drängt sich für mich als eingefleischter Downton Abbey Fan eine gewisse Parallele auf. Wie Daisy, die Küchenmagd, mit den Staffeln und Jahren aufsteigt, klettern Marille und ich die Zuckerbäckerleiter hinauf. Auch wenn wir nicht mehr morgens als erstes die Feuer schüren müssen, so sind es doch wir, die morgens als erstes die Öfen anschalten und mit den niederen Arbeiten beginnen. Mit der Zeit wurden die Aufgaben anspruchsvoller und die Verantwortung größer. Über Downton Abbey habe ich einmal gehört, dass die Familie die Soap der Angestellten war. Davon unterscheiden wir uns auch nur gering. Immer wieder wundert man sich über die eine oder andere Entscheidung oder Verhalten. Und wie ist es anders zu erwarten, wird viel getratscht. Wie in Downton Abbey stehen wir mit einem gewissen Stolz hinter dem Familiennamen und geben unser bestes, damit der Ruf erhalten bleibt. Und so fühlen wir uns durchaus geschmeichelt, wenn wir lesen, dass wir als Mehlspeisenparadies bezeichnet werden.
