Ein lebensgefährlicher Beruf
von melle.sophie

Meistens ist es voll in den U-Bahnen und Bims, wenn ich nach Hause fahre. Hier setzt die erste Erschöpfungswelle ein, der Rücken schmerzt, die Füße brennen. Auf dem mit Ellenbogen erkämpften Sitzplatz erfolgt die erste Anamnese: links auf dem Unterarm eine neue leichte Verbrennung, auf dem rechten eine größere. Beide fangen bereits an zu jucken. Ich niese, in der Nase juckt das Mehl, das es auch bis in die Ohren geschafft hat. Im Gesicht spüre ich die ersten Pickel wachsen, auf der Haut spüre ich den Mehlstaub auch noch. Beim Streichen mit der Zunge über die Zähne bemerke ich einen Belag. Die Fingerkuppen und Hände sind trocken und rau. Die Hornhaut an den Zeigefingern ist dick und bereits eingerissen. Erst jetzt bemerke ich, dass einige Fingernägeln wieder eingerissen oder abgebrochen sind. Bei der eingehenderen Untersuchung Zuhause fallen dann noch die blauen Flecken an Knien und Oberarmen auf. Backen ist eine körperliche Arbeit, Handarbeit.
„Zuckerbäcker ist ein lebensgefährlicher Beruf.“
Das war zumindest eins der ersten Dinge, das unser Klassenlehrer in der ersten Stunde an der Berufsschule zu uns sagte. Zugegebener Maßen ich dachte, er übertreibt wirklich. Klar, wir arbeiten mit heißen Gegenständen und Lebensmitteln, scharfen Messern und anderem Werkzeug, tragen mitunter schwere Sachen und dann ist da noch der Mehlstaub. Auch wenn Mehlstaubexplosionen eher in Mühlen, Silos oder anderen Förderanlagen vorkommen und nicht in Backstuben.

Doch so scherzhaft war der Kommentar, eher die Warnung, unseres Klassenlehrers nicht. Krankheiten und Verletzungen bei Konditoren gehen wirklich bis an die Substanz. Da sind offensichtliche Sachen wie eine Mehlstauballergie, die man auch später noch entwickeln kann. Aber auch eine Glutenunverträglichkeit kann in der Backstube zu Problemen führen, weil wir das Mehl auch einatmen und es so auch in den Verdauungstrakt kommt. Erschrocken bin ich, als unsere Lehrer meinten, dass es eigentlich keinen Konditor mit gesunden Zähnen gibt. Nein, Karies und all die Bösewichte kommen nicht von dem vielen Süßkram, den wir uns pausenlos genehmigen, sondern von dem Mehl- und Zuckerstaub, der sich während der Arbeit auf unseren Zähnen ablegt. Eine gute und gründliche Zahnpflege gehört demnach ebenso zum Konditorendasein wie schokoladenverschmierte T-Shirts und dreckige Schürzen.
Für die meisten von uns Lehrlingen werden allerdings die heißen Bleche und Formen zum Verhängnis, zumindest jetzt am Anfang. Man kann noch so viel aufpassen, aber irgendwann passiert es: Der Ofenhandschuh ist zu kurz, das Blech zu lang oder zu schwer, oder man greift ganz einfach daneben. Ich zähle schon gar nicht mehr, wie oft ich mich bisher verbrannt habe, mal ist es nur ein kleiner Strich, mal eine größere Fläche, am Oberarm, am Unterarm, an der Hand oder an einem Finger. Zu meinen neuen Dauerbegleitern in der Tasche gehören eine pflegende Handcreme, eine Kühlcreme für Verbrennungen und eine Wundheilsalbe, um starke Narbenbildung zu verhindern.

Kurz zusammen gefasst, Konditor ist kein Beruf für jemanden mit sensibler Haut, empfindlichen Zähnen und einer Neigung zu Allergien, mit einer Neigung zu Rückenschmerzen oder auch einer zu dünnen emotionalen Haut. Auch wenn ich die eine oder andere dieser Schwächen aufweise, bin ich froh über meine Wahl. Es ist ein gutes Gefühl (fast) jeden Tag etwas neues zu lernen, den eigenen Fortschritt zu sehen und am Tagesende auf sein Tage(back)werk zurückschauen zu können.

Stadtpatron von Wien und der der Bäcker