Die Unsichtbaren von Wien

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Der Wecker klingelt, draußen ist es noch dunkel, alles ist still. In der Häuserfront gegenüber brennen noch keine Lichter und auch im Haus hört man nur eine schläfrige Stille. Nach dem Frühstück und der täglichen Nachrichtendosis mache ich mich auf den Weg zur Bim oder zum Bus. Noch immer ist alles ruhig und verlassen. Doch an der Haltestelle treffe ich auf andere Menschen, die ebenfalls zu dieser nachtschlafenden Zeit unterwegs sind. Es ist kurz vor fünf Uhr morgens.

Bevor ich meine Ausbildung begonnen habe, habe ich nie wirklich darüber nachgedacht, dass es Menschen gibt, die zu diesen unmöglichen Zeiten schon wach sind. Noch wach ja, aber schon?

Die ersten Tage war ich überrascht, wie viele Menschen morgens die erste Straßenbahn oder Bus nehmen. Die meisten steigen an den U-Bahnstationen aus oder wollen ebenfalls in den ersten Bezirk. Es sind erstaunlich viele Frauen, meistens ältere um diese Uhrzeit unterwegs. Besonders auffällig ist, dass die wenigsten Deutsch untereinander sprechen, viele tragen Kopftücher. Bei den wenigen Männern, die zu dieser Zeit das Haus verlassen haben, bietet sich ein ganz ähnliches Bild.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass sie zu den Unsichtbaren von Wien gehören. Sie erfüllen all jene Jobs, die wir im Alltag nicht wirklich wahrnehmen: sie putzen, pflegen Kranke im Krankenhaus oder Pflegeheimen, räumen Supermarktregale ein oder arbeiten in Hotels, sie arbeiten bei der Müllabfuhr oder bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Nicht zu vergessen sind die Fahrer der Lastwagen, die am frühen Morgen die Lager der Restaurantküchen und Backstuben wieder auffüllen.

Am Freitagmorgen, an dem ich beinahe ausschlafen kann, denn klingelt der Wecker erst um fünf statt um halb vier, treffe ich im Bus und in der U-Bahn eine zweite Gruppe, die man auch noch zu den Unsichtbaren zählen kann. Dieses Mal sind es viele Männer: Bauarbeiter, weitere Angestellte der öffentlichen Einrichtungen und Securitymänner.

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Mein Schulweg am Freitag führt mich am morgendlichen Schloss Schönbrunn vorbei. Nur die Sicherheitsmänner, die den Eingang bewachen und einige sehr motivierte Jogger sieht man an den Toren. Dahinter geht langsam die Sonne auf und das erste Tageslicht umreißt die Giebel. Ein wirklich schöner Anblick.

Sehr wahrscheinlich entgehen mir viele Berufsgruppen und ebenso ist die Bezeichnung der Unsichtbaren als solche übertrieben. Dennoch sind es meist die Berufe, die häufig nicht richtig wertgeschätzt werden und die an die Geschichte von den Heinzelmännchen erinnern. Man sieht die verrichtete Arbeit, allerdings nicht denjenigen, der sie verrichtet hat.

Wir Konditoren haben etwas mehr Glück, wir verlassen ebenfalls so zeitig das Haus, aber unsere Arbeit, die Torten, Kuchen, Tartes und all die anderen Mehlspeisen werden am Nachmittag im Kaffeehaus mit Genuss verspeist. Manchmal sehen wir sie, wenn wir nach verrichteter Arbeit an den großen Fenstern vorbeigehen und die Kuchenstücke auf den Tischen stehen.

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