backsopherl

ich backe, also bin ich

Monat: September, 2015

Mein Freund der Mürbteig und ich

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Mein Freund der Mürbeteig ist eigentlich ein ganz Zugänglicher und hat zunächst keinen all zu schwierigen Charakter, aber der Schein trügt. Er besteht aus drei Bestandteilen, die in einem Verhältnis 1 zu 2 zu 3 zueinander stehen: Zucker, Fett und Mehl. Daher wird er auch 1-2-3-Teig genannt. Soviel erstmal zu meinem neuen, naja noch nicht ganz, besten Freund.

Die erste Woche als Lehrling der Zuckerbäckerei in Wien ist vorbei. Belohnt wurde ich mit drei freien Tagen. Am Anfang werde ich wohl häufiger drei Tage hintereinander frei haben, bevor demnächst das Wetter schlechter wird und die Temperaturen sinken und die Kaffeehauszeit anbricht. Dann werden wir wohl deutlich mehr als bisher zu tun haben und drei freie Tage am Stück nicht mehr drin sein.

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Als blutiger Anfänger in der Backstube beginne ich hinten. Hinten werden morgens die Kipferl und Plunderteigteilchen erst in die Gärkammer und anschließend im Ofen gebacken. Während die Frühstücksgebäcke bei rund 40 Grad aufgehen, muss ich die Böden für die Tartes und Schnitten vorbereiten. Je nachdem wie viele an dem Tag benötigt werden, sind es meistens mindestens um die zwölf. Ein paar werden auch schon für den nächsten tag vorbereitet. Eigentlich ist Mürbeteig nicht besonders schwer, aber seinen wahren Charakter zeigt er erst beim Ausrollen. An den ersten Tagen standen mein Freund und ich wirklich auf Kriegspfad miteinander. Eine dicke Rolle Mürbteig wird Stück für Stück auf der Ausrollmaschine bis auf 3 Millimeter ausgerollt und dann in die Tarteformen gelegt. Unser Kampf beginnt in der regel zwischen dem Ausrollen von 12 Millimeter auf 5 Millimeter. Mürbeteig neigt dazu sich auf der 5mm-Seite in Wellen zu legen, die dann brechen können. Und dann muss man von Neuem beginnen, prinzipiell kein Problem, aber Mürbeteig mag es nicht zu oft geknetet zu werden und bei jedem Ausrollen muss er mit etwas Mehl bestäubt werden, damit er nicht festklebt. Kurz anheben und glatt streichen und die Wellen sind beseitigt, noch schnell die ausgefransten Ränder begradigen und weiter kann es gehen, von 5 auf 3. Das ist der Punkt an dem ich mich mit meinem Freund dem Mürbteig immer wieder in den Haaren liege: er reißt. Ich weiß nicht warum, aber er will einfach nicht. Aus einer einfachen Aufgabe von wenigen Minuten wird eine never ending story.IMG_20150924_142827

Am dritten Tag in der Backstube und das erste Mal alleine hinten haben wir uns zusammen gerauft. Manchmal kommt man mit kleinen Schritten eben doch schneller ans Ziel als mit großen: Mit weniger Teig ist mir das ganze nicht mehr eingerissen und ich konnte den Frust langsam abbauen. In den nächsten Wochen werde ich mich hoffentlich steigern, nicht mehr reißen lassen und schneller werden.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

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Eigentlich bin ich weniger ein Freund des Gedichts, das die Deutschen vor Jahren in einer Umfrage zu ihrem Lieblingsgedicht gewählt haben, aber nichts desto trotz musste ich dieser Tage oft daran denken. Oft wird der Abschied von einem Ort, einem Lebensabschnitt und auch lieb gewonnenen Personen durch den Zauber des Anfangs vereinfacht oder vielleicht eher überdeckt. Die letzten Jahre habe ich in deutschen mittel großen Universitätsstädten verbracht. Der Umzug nach Wien ist also ein Abenteuer in vielerlei Hinsicht: eine vollkommen neue Arbeit, eine vollkommen neue Stadt, ein vollkommen neues Land.

Der in Hesses Gedicht beschriebene Zauber beschreibt die Magie und den Reiz des Neuen, die Energie und Lust, sich in etwas Unbekanntes zu stürzen, den Kitzel des Unvorhersehbaren. Dieser Zauber hat sich in meinem Fall noch nicht so recht eingestellt. Bevor ich morgen meinen ersten Arbeitstag habe, musste ich einen Marathon an Behördengängen machen. An den verschiedensten Stellen stellte sich schnell die Frage, wer war eher da, Henne oder Ei. Ich dachte immer, wir Deutschen sind die Weltmeister der Bürokratie. Österreich lehrt mich gerade eines besseren. Gut möglich, dass ich als nicht-österreichischer Staatsbürger natürlich mehr Papiere brauche als in Deutschland.
20150913_18093220150913_180333Letztendlich habe ich den Teufelskreis der Bürokratie durchbrochen: Der erste Dreh- und Angelpunkt ist der Meldezettel. Den Meldezettel brauche ich für die Berufsschule, den Lehrvertrag und dem Bankkonto. Den Lehrvertrag bekomme ich erst, wenn ich arbeite und sinnvollerweise sollte ich da bereits ein Bankkonto angeben können. Die Berufsschule war erstaunlicherweise relativ unbürokratisch: Ohne die vollständigen Unterlagen, allerdings nicht ganz ohne, konnte ich mich dennoch schon einschreiben. Beim Bankkonto und Handyvertrag allerdings wird es richtig kompliziert. Das ist die Henne-Ei-Frage in Reinkultur: Ich habe ein Onlinekonto abgeschlossen, dass ich über eine Handypin benutzen kann. Diese Pin kann allerdings nur an eine österreichische Nummer geschickt werden. Einen Handyvertrag kann ich allerdings nur mit einem österreichischen Konto abschließen und – jetzt wird es umständlich – nur wenn ich eine „Bescheinigung des Daueraufenthaltes für EWR- und Schweizer BürgerInnen“ habe. Diese Bescheinigung bekomme ich nur auf einem bestimmten Amt, das natürlich die üblichen Öffnungszeiten hat, zu denen man normalerweise arbeiten muss, und ich bekomme sie nur mit dem Lehrvertrag.

Ende dieser Woche sollte ich vollständig in den Wiener Alltag integriert sien, mit Arbeitsplatz, Handy, Bankkonto und einer Meldebescheinigung.

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Abenteuer voraus!

In der Schule, ich glaube es war in der achten Klasse, sollten wir alle eine große Kollage im Kunstunterricht anfertigen. Es sollte eine Art „Klassenstadt“ werden, jeder hatte sien eigenes Haus und gemeinsam haben wir dann die Stadt entworfen. Unsere individuellen Häuser sollten unsere Charaktere darstellen und durften ganz nach unseren Wünschen gestaltet werden. Einer meiner engsten Freunde, Matthias, und ich haben damals beschlossen, gemeinsam in ein Haus zu ziehen. Jeder hatte sein eigenes, nur wir zwei tanzten wieder einmal aus der Reihe. Unser Haus wurde groß und schön und stand mitten in der Stadt. Wir wohnten im ersten Stock, vor den Fenstern Blumenkästen und eine herrliche Aussicht. Im Erdgeschoss hatten wir eine Konditorei vorgesehen. Über den großen Schaufenstern, in denen selbst gemachte Lollis und Kuchen standen, hing ein großes Schild, auf das Matthias „Konditorei Schleckermäulchen“ geschrieben hatte. Im Laufe der Kunststunden, die wir mit unserer Stadt verbrachten, wollte ich Matthias die Wohnung über der Konditorei überlassen und bastelte ein Segelboot, das auf einem Trockendeck stand und etwas abseits lag.

Das ganze ist jetzt etwa vierzehn Jahre her. Wir haben mittlerweile studiert: Matthias Lehramt und ich Französisch und noch einiges anderes. Über einer Konditorei wohnt er nicht und ich nicht in einem Segelboot auf dem Trockenen. Doch eine Sache wird sich nach all den Jahren vielleicht doch erfüllen. Vor einem halben Jahr habe ich mich für eine Ausbildungsstelle zur Konditorin in Wien beworben. Ich habe dreizehn Bewerbungen in die Wiener Konditorenwelt hinausgeschickt. Zwei Tage später wurde ich früh von einer ausländischen Nummer aus dem Schlaf geklingelt, naja es war zehn Uhr morgens, aber für mein Studentenleben echt zeitig. Eine Frauenstimme am anderen End teilte mir mit, dass sie mich kennen lernen wollen und ich bescheid geben soll, wenn ich mal wieder in Wien bin. Ich war total aus dem Häuschen. Irgendjemand fand meinen Wunsch, mit 26 ein Ausbildung anzufangen, nicht vollkommen abwegig. In den darauffolgenden Wochen kamen fast nur Absagen, per Mail oder auch auf dem Postweg.

Im Februar habe ich drei Tage Probe gearbeitet. Ich wusste, dass es eine harte Arbeit sein wird, dass es unmenschliche Arbeitszeiten sind und man immer im Hintergrund bleibt. Aber es hat mich nicht abgeschreckt. Ab September werde ich in der Hauptstadt der Mehlspeisen in ihre Geheimnisse eingeweiht werden. Ich werde in der Backstube alle Massen und Teige, Crèmes, Füllungen und Glasuren kennen lernen, und auf der Schule den Rest. Es wird eine anstrengende und aufregende Zeit!